Maramuresh: Zwischen Kairo und Bukarest

by Alfred Huber on 8.10.2009 · 0 comments

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Bis vor kurzem war mir der Name „Maramuresh“ kein Begriff, schon gar nicht die dortige Stadt namens „Sighetu Marmatiei“ (von der Bevölkerung kurz „Sighet“ genannt), im Norden von Rumänien gelegen.

Bei dieser Gegend handelt es sich offensichtlich um eine der wirtschaftlich ärmsten Regionen innerhalb der EU, der ja mittlerweile auch Rumänien angehört. Tatsächlich sieht man dort teilweise noch ein von mittelalterlichen Traditionen geprägtes idyllisches  Bauernleben mit Ochsenkarren auf ungepflasterten Dorfstraßen und mit Schafhirten, Seit kurzem  laufen aber nun gut dotierte Förderungen aus der EU an, die wohl einen ziemlich Kulturwandel bewirken werden.

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Aber noch herrscht Natur pur vor und ein unbändiges Lebensgefühl der Einwohner. Der Beweis dafür ? Gleich acht Monumente in dieser Region gehören – in einer Entfernung von wenigen Kilometern voneinander – zum UNESCO-Weltkulturerbe, nämlich die Holzkirchen von Maramuresh. Sie heißen so, weil sie vollständig aus Holz erbaut sind, inklusive der riesigen, spitzen Kirchtürme. Und  das Besondere ist, daß sie von Innen über und über mit herrlichen Malereien und Gemälden versehen sind. Al fresco auf Holz. Also: etwas Einmaliges.

 Dies im Gegensatz zu den ebenfalls berühmten Kirchen der Nachbarprovinz Bukowina, die dort aber von Außen bemalt sind, und auch nicht auf Holz.

 church

Was hat nun diese fast paradiesisch anmutende Gegend mit dem obigen Titel zu tun ? Also: In Paris wurde vor kurzem der neue UNESCO-Direktor gewählt, ein international hart umkämpfter Prestige-Posten. Turnusmäßig war diesmal die Arabische Welt dran und aussichtsreichster Kandidat war der ägyptische Kulturminister Farouk Hosny.

In Kairo wurden bereits Vorbereitungen für den triumphalen Empfang des Kandidaten getroffen. Der Erfolg schien ihm sicher, zumal auch das Gastgeberland der Behörde, nämlich Frankreich, sich Sarkozy-mäßig für ihn stark gemacht hatte.

Doch es kam anders. Ein Mann trat auf den Plan: Elie Wiesel, seines Zeichens Literatur-Nobelpreisträger und damit Ikone des modernen Intellektuellentums. Er meldete sich mit der Leidenschaft eines Holocaust-Überlebenden zu Wort, indem er die mehrfach geäußerten anti-semitischen Äußerungen des langjährigen ägyptischen Kabinetts-Mitglieds ultimativ anprangerte  und  ihm schlichtweg die kulturelle Reife für den Posten in Paris absprach.

Dennoch schien Hosny das Rennen zu machen: in den ersten vier Wahlgängen sicherte er sich bis zu 29 von 30 notwendigen Stimmen. Um am Ende doch mit einem Votum von 27:31  gegen die zuvor scheinbar aussichtslos zurückliegende bulgarische Diplomatin Irina Bokova zu verlieren.

Damit ging praktisch der Endsieg doch noch an Elie Wiesel. Und damit – vermeintlich -  an die freie, westlich- liberale Weltsicht. Woher kommt nun dieser Elie Wiesel ? Eben: Aus Sighet, alias Sighetu Marmatiei, der nördlichsten Stadt Rumäniens, hart an der Grenze zur Ukraine. Wo man stolz auf den verlorenen Sohn ist, auch wenn er jetzt ganz woanders lebt und wirkt.

Die Wolkenkratzer von Manhattan sind wohl so was wie das Gegenteil von vorindustriellem Bauerntum, von Ochsengespannen, und auch von bemalten Holzkirchen mit unheimlich spitzen Türmen.

     wiesel house

 

Vieles geht einem durch den Kopf, wenn man plötzlich vor dem Geburtshaus Wiesel`s steht.  Aus heiterem Himmel, sozusagen.

About: Alfred:

Alfred Huber ist ein österreichischer Kulturwissenschaftler und Journalist, u.a. beschäftigt als Fernseh-Producer für das Nahostbüro der ARD. Er lebt seit vielen Jahren hauptsächlich in Kairo, wo er auch als Universitätslektor für Deutsche Literatur- und Europäische Kulturgeschichte wirkte. Er machte sein Doktorat an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien im Fach Orientalistik und er bereist regelmäßig die Arabische Welt und den Nahen Osten.


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