Vielfach fliegt nicht nur die Zeit vorbei. Auch Orte tun das. Wir fliegen von einer Welt in die andere. Also, sagen wir: von Helsinki nach Kairo. Das geht viel zu schnell, meine ich. Nicht nur klimatisch macht das Probleme. Sondern auch kulturell. Das heißt: psychisch. Deshalb: ein Stopover muß her. Und zwar dort, wo Europa mit Asien und dem Orient verschmilzt, trotz der Kurdenfrage. In Istanbul.

Die Vorgabe ist klar: sieben Stunden. Nicht viel für zwei Kontinente.
Gleich nach der Ankunft auf dem nicht unschönen Atatürk-Flughafen die Frage: soll ich mir das wirklich antun, und ein paar Stunden rausgehen ? Ausserdem regnet es, hab ich schon vom Flieger aus gesehen !
Riesige Schlangen bei der Passkontrolle, das törnt schon einmal ab. Weil ich ja gar nicht raus muss. Könnte einfach vorbeigehen, rauf zum Transit-Bereich und dort in den schönen türkischen Büchern blättern.
Oder doch nicht ? Langsam zurück zur Passkontrolle: alles voll und daneben ist sogar ein Visa-Schalter. Ja, gibt’s denn noch immer die Visa-Bestimmung für Europäer ? Ja, es gibt sie. Da steht es, schwarz auf weiß ! 5 Euro kostet das Visum. O Gott! Dabei hab ich gar nicht mehr viel Bargeld bei mir.
Aber: es winkt ein Abenteuer. Also hin: Visum ist gleich da. Dann Anstellen bei einer der Pass-Schlangen: alles geht sehr langsam. Und draussen regnet`s immer stärker. Seh ich, wenn ich ganz weit nach hinten schaue. Endlich dran. Dann nichts wie raus: Gepäck hab ich eh (fast) keins.
Geldwechsel: Es gibt jetzt neue Türkische Lira, zwei Lira sind jetzt mehr als ein Euro. Und umgekehrt.
Was solls. Ich habe Sehnsucht nach Köfte. Gleich zur Metro, kostet 1,50 Tl, schon geht’s bis nach Zeytinburnu. Schon ist man mitten in der Stadt. Dort umsteigen in die Tram: wieder 1,50 und schon steig ich in Sultanahmet aus. Mit einem jungen Inder, der dort ein Hotel gebucht hat. Der während der 45-minütigen Fahrt all das über die Stadt wissen wollte, was ich noch nicht vergessen hatte.
Regen, aber nicht mehr schlimm. Alles dunkel, es ist bereits Abend geworden, kühl, es ist ja Anfang November, windig. Zwischen Ayasofya und Sultanahmet Camii erste wirkliche Anlaufstation: ein traditionelles Teehaus, mit Sema-Tanz.
Also mit Derwisch-Tanz. Der sich fromm zum klagenden Ton der Ney-Flöte dreht. Wie schön !
Aber dann wird die Sehnsucht nach Köfte stärker. Raus, Wohin jetzt ?

Natürlich ins Tarihi Sultanahmet Cöftesi, zu Usta Selim. Fast werde ich noch erkannt, vom letzten Mal, obwohl das bereits zwei Jahre her ist. Fast wie gesagt.
Dann steht das Essen auf dem Tisch, die herrlichen Pfefferoni, Brot und der lustige Gemüse-Salat in eigenwilliger Zusammenstellung: Bohnen mit Karotten und Grünzeug. Aber es schmeckt. Dazu trinke ich Ayran. Wunderbar.
Verlasse selig das Lokal, noch kurzes Schäkern mit den Köchen. Draußen allerdings: Regen, stärker als zuvor, viel Wind.
Der Spaziergang auf dem Divanyolu wird zwangsläufig unterbrochen. Der nächste Tee steht an. In einem der alten Häuser, gleich neben den Friedhöfen der Sultane. Und überall gibt es neue Essens-Lokale, stelle ich fest. Viel Fast Food, aber alles sehr bunt und schillernd. Und billig.
Ich kann`s mir jetzt leisten, allen Versuchungen der Verkäufer, die mich unbedingt in ihren Laden schleppen wollen, zu widerstehen.
Spaziere weiter, im leichten Regen, den ich wahrscheinlich bald vermissen werde. Richtung Bayezit Camii. Den letzten Programmpunkt lass ich aber sausen, die Buchhändler, haben wahrscheinlich eh schon zu. Wegen Wind und Regen.
Also: wieder in die Tram und dann in Zeytinburnu in die Metro zum Flughafen. Bin rechtzeitig da. Und weiß es jetzt besser: Istanbul ist auf jeden Fall mehr als ein Vorort von Kairo.
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About: Alfred:
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Alfred Huber ist ein österreichischer Kulturwissenschaftler und Journalist, u.a. beschäftigt als Fernseh-Producer für das Nahostbüro der ARD. Er lebt seit vielen Jahren hauptsächlich in Kairo, wo er auch als Universitätslektor für Deutsche Literatur- und Europäische Kulturgeschichte wirkte. Er machte sein Doktorat an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien im Fach Orientalistik und er bereist regelmäßig die Arabische Welt und den Nahen Osten.