Angeblich die zweitschönste Sache der Welt. So wird Fussball gerne beschrieben. Von den eigenen Anhängern. Oder die zweitwichtigste. Nach der Politik. Oder nicht ? Wie dem auch sei. Diesen Eindruck kann man jedenfalls gewinnen, wenn man sich die jüngsten Ereignisse um die (Weltmeisterschafts-Qualifikations-) Spiele zwischen Ägypten und Algerien Revue passieren lässt.

Dass Fussball eine Religion ist, weiß man schon lange. Die Ereignisse vom 14. und 18. November und danach sind ein neuer Beweis dafür. Und ein neuer Beweis für Massenwahn. Das heißt für kollektiven Wahnsinn.
Ich kann nun endlich etwas befreiter darüber schreiben, weil die ärgste Kriegsgefahr gebannt scheint. Jawohl: ein Glück, dass die beiden Länder, um die es hier geht, über keine gemeinsamen Grenzen verfügen. Auch die algerische Botschaft auf der Kairiner Nilinsel Zamalek steht noch, wenn auch etwas ramponiert. Und Todesopfer unter den Protestierern sind nicht bekannt. Obwohl noch immer Polizisten die Zufahrt nach Zamalek kontrollieren. Man kann ja nie wissen, wann der Volkszorn der bitteren Realität weicht: dass man wieder nicht bei einer Fussball-Weltmeisterschaft dabei ist.
Ja, dieser Frust muss ungeheuer sein. Wenn man sich den eruptiv freiwerdenden Hass vergegenwärtigt, der nach dem zweiten Spiel, das ja mit einer knappen Niederlage für die Ägypter endete, ins Freie drängte. Jawohl: so einen gewaltigen Nationalhass hab ich noch nie erlebt, seit ich denken kann.
Und alle spielten mit: die Regierung, die sonst so allmächtige Staatssicherheit und die Medien. Tja die Medien. Ein trauriges Kapitel. In unglaublicher Weise wurde ab 19. November ein Hass geschürt, der in der Folge kaum mehr einzudämmen war. Auch die Oppositionsblätter sahen eine Chance, sich plötzlich Anerkennung und Aufmerksamkeit zu sichern, indem sie ihren wie auch immer gearteten Nationalstolz aggressiv in Stellung brachten.
Beispiele ? Eins von ganz vielen: das Nachrichtenblatt „Rose El Youssef“, so etwas wie der „Spiegel“ Ägyptens. Die Ausgabe vom 21. November ist fast zur Gänze dem Feindbild Algerien gewidmet und alle Artikel triefen nur so von Hass und Verachtung. Ein paar Überschriften und Titel gefällig: „Algerien – das Land das von keinem Präsidenten regiert werden kann.“ „Alle Algerier – Raus aus Ägypten!“ „Die Barbaren – Sie danken Gott dafür, dass die Pharaonen erniedrigt wurden.“ „Algerien ist eines der korruptesten Länder der Welt.“ „As-Safala – Diejenigen, die man verachten muss.“ Und so weiter.
Dass die Ägypter beim ersten Spiel in Kairo den algerischen Spieler-Bus mit Steinen und Ziegeln bewarfen (und dabei auch drei Spieler verletzten), wiegt lange nicht so schwer, wie die offensichtlichen Ausschreitungen der Sieger nach dem Entscheidungsspiel in Khartoum.
Schon seit Jahrzehnten ist Algerien ein Feindbild. Bereits in den Siebziger-Jahren hatten die Algerier die Ägypter aus dem Rennen um die Weltmeisterschaft geworfen ! Und jetzt schon wieder ! Unvorstellbar. Und das mit faulen Mitteln, mit Foul-Spiel eben. Und mit Einschüchterung. Interessant, dass dabei niemand zwischen sportlicher Rivalität und zwischen rassistischer Verhetzung differenzieren kann.
Ich fragte also ägyptische Freunde und Kollegen: Warum akzeptiert ihr einfach nicht die Tatsache, dass Ägypten in der sportlichen Disziplin Fußball den Kürzeren gezogen hat ? Die erste Antwort, von Zein, unserem Office Boy war geradezu symptomatisch: „Die Algerier, ich hasse sie so, dass – verglichen mit ihnen – die Israelis meine Freunde sind.“ Und ein anderer (Gottseidank kein Freund) sagte gar: „Ihna al-asl wa-humma wa-la haaga !“ –„Wir sind die eigentlichen Original-Araber und sie sind überhaupt ein Nichts !“
Hoffentlich kommt irgendwann wieder einmal der Sport zu Wort. Momentan habe ich jedenfalls die Schnauze voll vom Fußball (in Ägypten und Algerien).
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About: Alfred:
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Alfred Huber ist ein österreichischer Kulturwissenschaftler und Journalist, u.a. beschäftigt als Fernseh-Producer für das Nahostbüro der ARD. Er lebt seit vielen Jahren hauptsächlich in Kairo, wo er auch als Universitätslektor für Deutsche Literatur- und Europäische Kulturgeschichte wirkte. Er machte sein Doktorat an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien im Fach Orientalistik und er bereist regelmäßig die Arabische Welt und den Nahen Osten.
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Fand es interessant zu lesen. Als Halb-Algerier und Halb-Schweizer habe ich davon durchaus vieles mitbekommen. Und meine Meinung ist ganz klar. Ob Algerier oder Ägypter, wer den Fussball so ernst nimmt um anderen zu schaden hat das ganze wohl nicht begriffen, Fussball ist eine schöne Nebensache die man an der WM durchaus spassig betrachten kann. Wegen Fussball solche Sachen? Ich bin von beiden Ländern ganz klip und klar enttäuscht was dies anbelangt. Auch wenn ich mich über den Sieg von Algerien auch freue. Grüsse aus Zürich
Danke ! Da kann man gleich doppelt die Daumen druecken… Viel Glueck mit beiden Teams in Suedafrika !