Saudiarabien Ein Besuch bei der Großmutter

by Alfred Huber on 26.5.2010 · 0 comments

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Wer weiss eigentlich, was Jeddah bedeutet ? Ja, Jeddah, die grosse Hafenstadt in Saudiarabien. Kaum jemand. Die Bedeutung ist mir auch erst bewusst geworden, als ich vor kurzem durch die Stadt fuhr, an endlosen Baustellen und ebenso trostlosen wie faden, riesigen Büroblocks vorbei. Und dann irgendwann zu einer grossen Mauer kam.

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Auf meine Frage an Essam, meinen Begleiter, was denn dahinter sei, antwortete er irritiert: „Nur ein Friedhof. Aber nicht zu besuchen!“ Kategorisch. Wieso denn nicht ?

Nun, Friedhöfe besuchen wir hier nicht gern, meinte Essam. Damit hätten die Saudi`s generell   Probleme, vor allem  seit den Tagen des puritanischen Reform-Scheichs Abdel Wahhab. Für die Wahhabiten ist es nämlich ein Sakrileg, Tote über Gebühr zu verehren. Dabei beruft man sich auf angebliche Aussagen des Propheten Muhammad, dass der Besuch von Friedhöfen und das dortige Beten an Gräbern „haram“, also verboten, sei.

Das gelte für alle Saudi`s , arm und reich. „Sogar die Gräber der Königsfamilie und der Könige selbst sind praktisch unbekannt, niemand weiss, wo genau sie liegen, unter welchem Sandhügel. Es gibt keine Namenstafeln, nichts, nur ein unbenannter Stein- oder Felsbrocken liegt an der Stelle, wo einmal der Kopf war.“

„Und niemand besucht die Gräber ?“ Nein, niemand,  wozu denn auch ? Wir sind doch nicht wie die Ägypter, oder gar die Christen, die ihre Toten geradezu verehren und anbeten und ihnen riesige Grabtempel bauen!“

Tatsächlich, so mein Einwand, handelt es sich dabei wohl um die uralte Angst der Beduinen  und der Nomaden vor dem Tod. Sie buddeln ihre Toten ein und ziehen dann weiter.

Doch zurück zum Friedhof von Jeddah: dort liegen nicht nur die Vertreter der Bani Saoud, der Herrscherfamilie, sondern, dort soll,  der Legende nach,  auch Eva begraben sein, die Urmutter der Menschheit. Und nach ihr ist der Ort benannt: „Jeddah“, das heißt: die „Ahnherrin“, im heutigen Sprachgebrauch auch: die „Großmutter“.

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Klar, dass die Stadtverwaltung niemand in diesen Friedhof lässt: im Nu wären hier alle Völkerschaften versammelt, um der Urmutter ihre Aufwartung zu machen.

Nach Meinung der Saudi`s  habe man eh schon genug Ärger mit der Moschee von Medina, wo sich das Grab des Propheten Mohammed befindet und wohin die Pilger aus aller Welt mit ebenso großer Begeisterung ziehen wie nach Mekka. Dabei besteht die muslimische Pflicht zur Haddsch-Pilgerfahrt nur in der Reise nach Mekka.

Warum ? In Mekka hätten sich Adam und Eva nach dem Sündenfall und der nachfolgenden Ausweisung aus dem Paradies wiedergetroffen und sich an Ort und Stelle versöhnt.Und als Dank dafür das „Haus Gottes“, die Kaaba von Mekka errichtet. Sagt Essam.Und wir fahren weiter an der Mauer des Friedhofs von Jeddah entlang, bis vor uns das Rote Meer blau aufleuchtet.

About: Alfred:

Alfred Huber ist ein österreichischer Kulturwissenschaftler und Journalist, u.a. beschäftigt als Fernseh-Producer für das Nahostbüro der ARD. Er lebt seit vielen Jahren hauptsächlich in Kairo, wo er auch als Universitätslektor für Deutsche Literatur- und Europäische Kulturgeschichte wirkte. Er machte sein Doktorat an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien im Fach Orientalistik und er bereist regelmäßig die Arabische Welt und den Nahen Osten.


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