Durst und Hitze: Ramadan in Kairo 2010

by Alfred Huber on 29.8.2010 · 0 comments

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Niemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, bei 40 Grad zu fasten, permanent, einen Monat lang. Denn Fasten heißt: auch nichts zu trinken, von halb vier Uhr morgens, bis halb sieben Uhr Abends. Interessant, dass sich trotzdem die Menschen in Ägypten auf den Fastenmonat Ramadan freuen. Warum eigentlich ?

 Wieso kann man sich aufs Fasten freuen ? Für Europäer total unverständlich. Fasten mitten im Sommer ? In der heißesten Zeit des Jahres ! Und das nicht irgendwo, sondern in Nord-Afrika ! Ein Freund namens Hussein – er brach extra wegen des Ramadans seinen jährlichen Urlaub am Mittelmeer ab, um ins brodelnde Kairo zurückzukehren – erklärt das Unverständliche:

Schau, sagt er, Ramadan, das ist für viele von  uns die beste Party- Zeit  des Jahres ! Ich sehe da meine ganze Familie und alle meine Freunde ! Ohne Ausnahme. Jeden Abend gibt’s eine Einladung, manchmal zwei oder mehr. In der Regel gibt’s für Hussein und Co. drei unterschiedliche Blöcke an den langen Ramadan-Abenden: Zuerst kommt das iftar , dh. das Essen nach Sonnenuntergang, mit dem man das Fasten bricht. Da hat die Familie Priorität und er hat, wie viele Ägypter,  eine große Familie. Eine Gross-Familie eben. Jeder davon kämpft um die Ehre, das iftar bei sich abhalten zu können. Da biegen sich zwar die Tische, aber es bleibt soviel übrig, dass auch für viele Arme und Ärmere was zum Essen abfällt. Hussein meint, man ist relativ schnell voll, denn nach einem langen Fasten-Tag ist der Magen nicht richtig. Obwohl es ein schönes Gefühl sei, den Hunger zu spüren… Da weiss man dann, wie es sich anfühlen muss, arm zu sein. 

Dann kommt die Kultur zum Zug. Der Ramadan ist zugleich ein Kunst- und Kultur-Festival. Ab 9 Uhr geht’s los, wenn die Leute ihre Tees, Süssigkeiten und sonstigen Nachspeisen hinter sich haben. Es gibt in Kairo unzählige Plätze, Lokale, Kulturzentren, Galerien, Konzertsäle etc. die um den Ramadan-Kunden wetteifern. Alles ist hell beleuchtet und überall kann man auch shoppen. Kunst, Ramsch und Handarbeit. Ein Beispiel bzw. ein Tip: im ehemaligen Töpfer-Viertel in Alt-Kairo findet allabendlich ein Strassen-Festival statt. Früher eine slum-ähnliche Gegend, heute ein Ort der Künstler, der Töpfer und der Tänzer.

Tatsächlich treten unter anderem auch Derwisch-Tänzer auf und überall sind die Künstler-Werkstätten, Galerien und Töpfereien offen bis in die frühen Morgenstunden. Vielfach kann man zuschauen, wie manch grosses oder kleines Hand- oder Kunstwerk entsteht. Oder sogar mit Hand anlegen.

Und für Hussein gibt’s,  wie für viele andere Kairiner,  dann noch einen dritten Programmpunkt: Das suhur , das Essen am Ende der Nacht bzw. am frühen Morgen vor Sonnenaufgang, das einem das Fasten am folgenden Tag erleichtert. Hier spielt der Freunde-Faktor eine grosse Rolle: viele Alte und Junge treffen sich mit ihren Freunden in einem der unzähligen Kaffee-Häuser oder Restaurants, die um zwei bis vier Uhr morgens nochmals eine Stoss-Zeit erleben.

Besonders happy über diese Abende und Nächte sind auch die Liebes-Paare und solche, die es noch werden wollen. Tatsächlich sind erstaunlich viele Frauen und Mädchen in diesen Nächsten unterwegs, die sogar das Strassenbild prägen. Je näher es übrigens dem Ende des Ramadan zugeht, desto mehr spielt das Einkaufen (für das Eid al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens) eine Rolle. Auch deshalb das zunehmende Verkehrs-Chaos zu später Stunde. 

Natürlich geben die Leute zu, dass die Arbeitsmoral unter den nächtlichen Aktivitäten leidet, das bemängeln vor allem die Arbeitgeber. Aber für Hussein gibt es da eine einfache Formel: die Zeit die er sich sonst für Frühstück oder Mittagessen erspart, die gibt ihm sein Büro-Leiter frei und die nutzt er zu einem Nachmittagsschläfchen.

Die Siesta ist somit mitverantwortlich für die gute Laune der Ägypter im Fastenmonat. Und noch ein abschließendes Argument steht im Mittelpunkt des islamischen Volksglaubens: Laut eines Ausspruchs des Propheten Muhammad gibt keinen Zweifel daran, dass während des Ramadans „die Pforten des Paradieses geöffnet und die Pforten der Hölle geschlossen“ sind.

About: Alfred:

Alfred Huber ist ein österreichischer Kulturwissenschaftler und Journalist, u.a. beschäftigt als Fernseh-Producer für das Nahostbüro der ARD. Er lebt seit vielen Jahren hauptsächlich in Kairo, wo er auch als Universitätslektor für Deutsche Literatur- und Europäische Kulturgeschichte wirkte. Er machte sein Doktorat an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien im Fach Orientalistik und er bereist regelmäßig die Arabische Welt und den Nahen Osten.


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